Deutsche Frau beim Kugelfang, 19. Jahrhundert
Bei dem als Kendama bekannten Spiel, handelt es sich um ein japanisches
Geschicklichkeitsspiel. Es besteht aus einer Holzkugel(jap.: dama), die über eine Schnur aneinem schwertförmigen Holzgriff (jap.: ken) befestigt ist. Der Holzgriff weist drei Telle
unterschiedlicher Größe auf, in denen die Kugel gefangen werden kann. Mit dem oberen,spitzen Ende kann die Kugel außerdem im dafür vorgesehenen Loch aufgespießt werden. Geschicklichkeitsspiele
ähnlich dem Kendama sind uns heute in vielen Kulturen überliefert. Im europäischen Kulturkreis findet sich etwa das französische „Bilboquet", das britische „Cup-and-Ball" oder aber das deutsche
„Kugelfang". Sie alle basieren auf demselbenSpielprinzip, bei dem ein an einer Schnur befestigter Gegenstand mit einem zweiten, in der Hand gehaltenen Gegenstand gefangen werden muss.
Pomawanga der InuitDie Ursprünge des Kendama
Das bei den Inuit überlieferte „Pommawonga" (Spieß den Fisch auf) zählt zu den ältesten bekannten Versionen. Die Inuit fertigten ihre Version aus den Knochen erlegter Tiere. Vermutlich wurden
sie ursprünglich bei Jagdritualen als Zeremonialgegenstände verwendet,
beispielsweise um über den Ausgang der Jagd ein Orakel zu befragen. Bei den Indianern Nordamerikas war ein Geschicklichkeitsspiel ähnlich dem Kendama als Glücksspiel verbreitet.
Über den Ursprung des heutigen Kendama gibt es viele Theorie, aber bis heute ist die historische Forschung nicht zu einem eindeutigen Ergebnis gelangt. Durch historische Quellen nachweislich
belegt ist jedoch die Tatsache, dass das Kendama bereits im 16.Jahrhundert in Frankreich unter dem Namen „Bilboquet" am Hofe Heinrich des 3. ein beliebtes Freizeitvergnügen war. Im Tagebuch
eines Adligen heißt es etwa, dass „sich im Sommer 1585, die Kinder in den Straßen mit dem Bilboquet vergnügen." Man nimmt heute an, dass sich im Laufe der Geschichte ausgehend vom „Bilboquet"
die heute vorliegende Vielfalt an Kendamas entwickelt hat. In Europa erlebte das Kendama in der zweiten Hälfte des 19. und in der ersten Hälfte des 20.Jahrhunderts seine erste Blütezeit.
Französische Adlige vergnügen sich mit dem Kendama, 16.JahrhundertDas japanische Kendama
Obwohl bereits die Ainu, Ureinwohner Nordjapans, eine eigene Variante des Kendama erfunden hatten, geht die heutige japanische Version vermutlich auf einen europäischen Import zurück. Man nimmt
an, dass das Kendama etwa um 1777/78 während der Edo-Zeit (1603-1868) über die Seidenstraße nach Nagasaki kam, der einzigen japanischen Stadt, die in dieser Epoche für den Außenhandel geöffnet
war. In seinem „Abriss über vergnügliche und lustige Spiele" aus dem Jahre 1830 beschreibt Kita Muranobu das Kendamaspiel. Mit dem so genannten „sukuitamaken" (Löffelkendama), musste man die
Kugel innerhalb von fünf bzw.
drei Versuchen mindestens einmal im Teller fangen um zu gewinnen. Derartige Spiele waren als gesellige Trinkspiele in den Freudenvierteln der Edo-Zeit (1603 - 1868) in Japan weit verbreitet.
Reihum versuchte man die Kugel zu fangen und wer es nicht schaffte, musste trinken.
Japanisches SuikuitamakenIn der Meiji-Zeit (1868 - 1912) war das Kendama als Zeitvertreib vor allem bei Frauen beliebt. 1876 wurde es im, „Girls' Own Book of Amusement" als „sakazukioyobidama" (Sakeschale und Kugel) erwähnt. Wie der Name bereits vermuten lässt, handelt es sich um eine Übersetzung des Englischen Begriffs „Cup-and-Ball", da der holländische Übersetzer offensichtlich den Begriff „sukuitamaken" (Löffelkendama) nicht kannte. Das Buch berichtete über die neusten Trends aus Europa. Das Kendama wurde also erneut durch den Westen in Japan populär gemacht. Im gleichen Jahr erscheint das Kendama auch erstmals in einem Bericht zur Kindererziehung des Bildungsministeriums. In der Meiji-Zeit erfreute es sich also auch unter jungen Leuten zunehmend größerer Beliebtheit und entwickelte sich so von einem Trinkspiel für Erwachsene, hin zu einem Geschicklichkeitsspiel für Kinder.

Das moderne Kendama
Das Kendama in seiner heutigen Form geht auf das so genannte „nichigetsuboru" („Sonneund-Mond-Ball") zurück. Es tauchte erstmals während der Taisho-Zeit(1912-1926) auf undder Name leitet sich
von der roten Kugel, die an die Sonne erinnert und den Tellern zum Fangen der Kugel, die einer Mondsichel gleichen, ab. Zwischen 1919 und 1920 entwickelte Herr Hamaji Egusa aus der Gegend von
Hiroshima das Kendama der Meiji-Zeit weiter, verbesserte es und ließ seinen neuen Entwurf unter dem Namen „nichigetsuboru" registrieren. Es bestand aus einem Stiel mit angespitztem Ende an dem
eine Kugel angebunden war sowie einem kleinen-, mittleren und großen Behälter zum Fangen der Kugel. Die Vorlage für das heutige Kendama war somit erfunden worden. In der damaligen Zeit wurde
jedes Kendama mit einer fußgetriebenen Drehbank in kleiner Stückzahl handgefertigt. Mit der Einführung von motorgetriebenen Drehbänken steigerte sich die Produktion rasant, und das
„nichigetsuboru" wurde über die lokale Ebene hinaus schnell in ganz Japan bekannt. Bereits Ende der Taisho-Zeit im Jahre 1926, konnte man in Spielzeugläden, in allen größeren Städten eine rot
und eine weiß lackierte Version kaufen. Als Werbung wurden an öffentlichen Plätzen Wettkämpfe für Kinder abgehalten, bei denen es als Trophäen übergroße Kendama zu gewinnen gab. 25
unterschiedlich schwierige Tricks wurden mit Punkten bewertet und wer in einer Gruppe von 5 oder 10 Spielern mit einer festgelegten Zahl an Versuchen die meisten Punkte erzielte, hatte gewonnen.
Viele der damals entwickelten Tricks sind bis heute typisch für das Kendamaspiel, wie beispielsweise „uguise"(Vögelchen), „hikôki"(Flugzeug) oder „tôdai"(Leuchturm). Sie gehören bis heute zum
Standartrepertoire jedes Kendamaspielers. Außerdem wurden in der damaligen Zeit zum Rhythmus des „moshikame"(ein Trick, bei dem die Kugel in schneller Folge abwechselnd in zwei Tellern gefangen
wird) von den Kindern Kendama Lieder gesungen.
Obwohl bereits in der Edo-Zeit der Begriff „tamaken" (Kugelschwert) auftauchte, konnte sich der heutige Begriff „kendama"(Schwertkugel) erst nach dem ersten Weltkrieg durchsetzen. Nach dem
2.Weltkrieg geriet das Kendama zunächst in Vergessenheit, blieb jedoch als traditionelles Kinderspielzeug fester Bestandteil der meisten japanischen Haushalte. Mitte der 60er Jahre wurde es als
Geschicklichkeitsspiel wieder entdeckt und diesmal von Erwachsenen, die sich in Kendamaclubs organisierten, erneut verbreitet. Sie hoben das technische Level des Kendamaspiels an, entwickelten
neue Tricks und schufen so die Basis für einen neuen Boom des Kendama in der späten Nachkriegszeit. Erstmals fand eine professionelle, sportliche Auseinandersetzung mit dem Kendama statt.

Das Kendama heute
Im Laufe der Zeit nahm mit der Zahl der Spieler auch die Zahl der verschiedenen Tricks und der unterschiedlichen Wettkampfformen zu. Daher gründete im Jahre 1975 Issei Fujiwara die Japanische
Kendama Association JKA. Er legte Normen für Größe, Form und Beschaffenheit des Kendama fest und ließ lizenzierte Kendama nach diesen Vorschriften herstellen. Des Weiteren definierte er eine
Gruppe von Standardtricks, auf deren Basis er ein Regelwerk zur Graduierung, wie etwa im Judo oder Karate entwickelte. Auch für offizielle Wettkämpfe auf lokaler und nationaler Ebene schuf er
die Rahmenbedingungen. Wegen seines beruflichen Hintergrunds als Kinderbuchautor engagierte er sich darüber hinaus besonders für die Popularisierung des Kendama bei Kindern und Jugendlichen.
Ausgehend von diesen Neuerungen fasste das Kendama schnell in allen Alterschichten Fuß. Seit dem werden Prüfungen und alljährliche Wettkämpfe bis auf nationaler Ebene abgehalten. Unter der
Schirmherrschaft des japanischen Ministeriums für Bildung, Sport und Kultur finden jedes Jahr die landesweiten Meisterschaften der Grundschüler statt. Die offiziellen Meisterschaften aller
Alterklassen werden einmal jährlich von der JKA selbst ausgerichtet und stehen Kendamaspielern aus der ganzen Welt offen. Da beim Kendamaspielen eine Vielzahl von Trickkombination möglich ist,
entwickelte sich in den letzten Jahren eine immer größere Freestyle Szene, die herkömmliche Tricks weiter entwickelt und Tricks aus anderen Geschicklichkeitsspielen wie etwa dem Jonglieren
integriert. Dadurch erweitert sich das Spektrum der Kendamatricks beständig. In den asiatischen Ländern entwickelte sich diese noch recht junge Form des Kendama als Trendsport derzeit in rasantem
Tempo. In Europa und Amerika ist die japanische Version des Kendama erst in den letzten Jahren bekannt geworden, erfreut sich seither aber zunehmender Beliebtheit. Eine stetig wachsende
internationale Community tauscht sich im Internet über Funsport Foren und Videoportale aus und bereichert das Kendamaspiel mit einer Vielzahl neuer Tricks, die in kurzen Videos, den so genannten
„Kendama Edits" vorgeführt werden. 2008 wurde durch die Britisch Kendama Association (BKA) in England die erste europäische Kendama Meisterschaft abgehalten und für April 2009 ist eine
Neuauflage in Zusammenarbeit mit der JKA bereits in Planung. Betrachtet man die aktuelle Entwicklung, kann man also durchaus von einem neuen, „internationalen" Boom des Kendama sprechen. Hier auf
kendama.de bieten wir Ihnen mit der ersten deutschsprachigen Kendama Community die Möglichkeit, selbst ein Teil der Geschichte des Kendama zu werden.
Alle Fotos sind Eigentum von kendama.de oder aus dem Buch けん玉歴史.